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Hofrat Prof. Adolf Degenhardt, 1921 - 1998


Das öffentliche Bewußtsein hat noch nicht begriffen, daß in der Welt des 20. Jahrhunderts das wirtschaftliche Potential und die politische Selbstbehauptung eines Staates vom Stande seines Bildungswesens abhängig ist.
DIE ZEIT, Hamburg, dem 11. Mai 1962


GELEITWORT

Der im Schuljahr 1965/66 begonnene "musische Schulversuch" am Bundesgymnasium Salzburg, Franz-Josef-Kai 41 und seine vor genau 10 Jahren erfolgte gesetzliche Verankerung als gymnasiale Sonderform mit besonderer Berücksichtigung der musischen Ausbildung am Bundesgymnasium III in Salzburg, veranlaBt nicht erst heute dazu, 20 Jahre später, überlegungen darüber anzustellen, worin der gravierende Unterschied zwischen dem, was damals mit viel Schwung und Enthusiasmus in die Wege geleitet wurde, und der Regelschule besteht und welche Beweggründe dafür ausschlaggebend waren, sich für die Durchführung dieses Schulversuches einzusetzen.

Entgegen allen anders lautenden Versionen wurde er jedenfalls nicht von außen an die Schule herangetragen, sondern entsprang in erster Linie einer Lehrerinitiative, die sich trotz aller dagegen geäußerten Bedenken und trotz der vielen Widerstände, die es zu überwinden galt, durchzusetzen verstand.

Die Lehrer der ersten Stunden des Schulversuches "musisches Gymnasium" in Salzburg waren sich darin weitgehendst einig, daß die Regelschule in ihrer heutigen Form, die verschiedenen Gymnasien und Realgymnasien nur in sehr beschränkter Weise dazu imstande sind, jene umfassende Bildung zu vermitteln, wie dies gerade in unserer Zeit mit ihren auf Entpersönlichung und Manipulation abzielenden Gefahren erforderlich wäre, daß sie auf das ungeheuere Anwachsen des Wissens in unserem Jahrhundert nicht so reagierten, wie es hätte sein müssen: nämlich sich vermehrt darauf zu konzentrieren, was Bildung im Grunde genommen ist, wasletztlich Bestand hat und dazu befähigt, sich in seiner Individualität und Originalität zu behaupten.

Das Gegenteil davon trat ein.

Es kam zu einer ständigen Zunahme an Lehrstoff und abprüfbarem Wissen insbesondere bei den Naturwissenschaften, wodurch selbst die Schulung des begrifflich

logischen Denkens und des Kombinationsvermögens, dem an der Regelschule immer das HaupLaugenmerk galt, eine Beeinträchtigung erfuhr, während Kernbereiche der Erziehung und Bildung völlig an den Rand gedrängt wurden, unter fortwährendem Legitimationszwang stehen und bis heute um ihre Existenz bangen müssen.

Dazu zählen vor allem die sogenannten musischen Fächer wie Musikerziehung, Bildnerische Erziehung, Werkerziehung, Textiles Gestalten u.a.

Diesem einseitigen, unausgewogenen Bildungsangebot der Regelschule, die laufend dem Druck der für die Steigerung materieller Lebensentfaltung für wichtig gehaltenen Unterrichtsgegenstände ausgeliefert ist, ein Modell eines Gymnasiums gegenüberzustellen, das alle Kernbereiche der Erziehung und Bildung in gleicher Weise berücksichtigt und das keine Haupt- und Nebenfächer, keine für wichtig, weniger wichtig oder gar für unwichtig gehaltene Unterrichtsgegenstände kennt, sondern alle als gleichrangig betrachtet und den sogenannten musischen Fächern jenen Stellenwert zugesteht, der ihnen gebührt und der ihnen auch an der Regelschule eingeräumt werden müßte, war ein HaupLanliegen jener Lehrer, die als die Initiatoren des musischen Gymnasiums in Salzburg gelten.

Daß bei diesem Modell darüberhinaus das "MUSISCHE" als Unterrichtsprinzip für alle Unterrichtsgegenstände zum Tragen kommen sollte, um damit die Besonderheit dieses Gymnasiums vorrangig als Erziehungs- und Bildungsschule deutlich zu machen, wurde von den Lehrern des Schulversuches ebenso gutgeheißen wie das Primat der Bildung vor der Ausbildung.

Gerade in diesen Punkten sowie auch in der stärkeren Bebonung der sogenannten musischen Fächer gesehen unter dem Aspekt der Vermittlung einer umfassenden Bildung bzw. Allgemeinbildung und im Hinblick auf das von allen am Schulversuch interessierten Lehrern für absolut unerläBlich gehaltene harmonische und koordinierte Zusammenwirken aller Unterrichtsgegenstände im Sinne des Bildungsauftrages dieser Form einer höheren Bildung gab es nahezu eine vollkommene Ubereinstimmung mit den Ideen und Vorstellungen von Hofrat Dr. Bernhard PAUMGARTNER, dem ehemaligen Direktor des Mozarteums in Salzburg, dem diese Stadt viel verdankt und der schon sehr früh für die Gründung eines musischen Gymnasiums in Salzburg eintrat.

Dies führte letztlich dazu, daß Hofrat Dr. PAUMGARTNER, der plötzlich die Erfüllung eines lang gehegten Wunschtraumes in greifLare Nähe gerückt sah, sich mit aller Vehemenz für die Bewilligung des musischen Schulversuches in Salzburg einsetzte, wo noch dazu die Bezeichnung "MUSISCH" die ungeteilte Zustimmung aller Initiatoren des Schulversuches fand, da auf diese Weise das Musische als tragendes Unterrichtsprinzip das erforderliche Gewicht erhielt.
Und es ist sicherlich im hohen Maße Hofrat Dr. PAUMGARTNER zuzuschreiben, daß der musische Schulversuch so rasch realisiert werden konnte.

Dennoch gab es hinsichtlich der Installierung eines musischen Gymnasiums in Salzburg einen erheblichen Auffasaungsunterschied zwischen Hofrat Dr. PAUMGARTNER und dem, was die Initiatoren des Schulversuches darunter verstanden wissen wollten und wofür einzutreten sie auch heute noch gewillt sein dürften.

Es ging dabei jedenfalls nicht so sehr um Inhalte, sondern vielmehr um bildungspolitische Aspekte.

Während nach Hofrat Dr. PAUMGARTNER ein musisches Gymnasium in Salzburg sich als gymnasiale Sonderform präsentieren sollte, ausgerichtet auf eine ganz bestimmte Interessensgruppe und ohne nennenswerte bildungspolitische Auswirkungen, sahen seine Initiatoren darin den Versuch einer Neuformierung und Umstrukturierung der höheren Bildung insgesamt.

Tatsächlich empfanden viele vielleicht nicht zuletzt gerade deshalb diesen Schulversuch als eine Ärgernis, als einen bildungspolitischen Störfaktor, den es galt bei der nächsten sich bietenden Gelegenheit so rasch wie möglich zu beseitigen.

Daß es nicht dazu gekommen ist und es im Gegenteil vor 10 Jahren gelang, den musischen Schulversuch am Bundesgymnasium III in Salzburg zu legalisieren und in eine gymnasiale Sonderform umzuwandeln, ist vor allem dem damaligen Landeshauptmann DDr. Hans LECHNER sowie dem damaligen Landeshauptmann-Stellvertreter und gegenwärtigen Bundesminister für Unterricht, Kunst und Sport, Dr. Herbert MORITZ zu verdanken, die sich beide bei dem ehemaligen Bundesminister für Unterricht und Kunst, Dr. Fred SINOWATZ, mit Entschiedenheit für die Weiterfahrung dieser Form der Vermittlung einer höheren Allgemeintildung einsetzten, wie sie am musischen Schulversuch am Bundesgymnasium III in Salzburg seit dem Schuljahr 1965/66 mit Erfolg praktiziert wurde und sich in vielfacher Hinsicht bestens bewährte.

Dem Gesetz nach ist heute das musische Gymnasium am Bundesgymnasium III in Salzburg eine gymnasiale Sonderform mit besonderer Berücksichtigung der musischen Ausbildung.
In Wirklichkeit ist es aber weder eine Sonderform und schon gar nicht eine Sonderform mit besonderer Berücksichtigung der musischen Ausbildung, denn dann müßten die sogenannten musischen Fächer am musischen Gymnasium in Salzburg mit beträchtlich mehr Unterrichtszeit ausgestattet sein, als dies tatsächlich der Fall ist.

Genaugenommen versteht sich das musische Gymnasium am Bundesgymnasium III in Salzburg als das, was es auch in der Schulversuchszeit immer schon war und auch sein wollte: nänlich ganz schlicht und einfach gesagt als ein Reformgymnasium, als eine Schule, die es auf sich genommen hat, eine gewisse Vorreiterfunktion zu erfüllen und sich wie schon zur Schulversuchszeit die Aufgabe stellt, auf die Erfordernisse unserer schnellebigen, vielgestaltigen und sich rasch wandelnden Zeit mit einer umfassenden und vielseitigen höheren Bildung zu antworten, die dem Menschen die Chance gibt, sich seine Eigenständigkeit zu bewahren, ihm eine Stütze ist und ihn davor zu schützen vermag, zum Spielball anonymer Kräfte zu werden.

Dabei ist es die Stärke dieses Gymnasiums, daß es nirgend anderswo ein so fruchtbares Wechselspiel zwischen künstlerischen und wissenschaftlichen Fachbereichen geben kann, weil dort die musischen Fächer keine RandLunktion erfnllen wie vielfach an der Regelschule, sondern zentrale Unterrichtsgegenstände sind und daher voll zur Geltung kommen.

Dieses Wechselspiel fördert erwiesenermaßen in ganz besonderer Weise die Entfaltung und Entwicklung der schöpferischen Fäbigkeiten wie Sensivität, die Fähigkeit, umzugestalten und umzugruppieren, Beweglichkeit, die-Fähigkeit zur Synthese und die Fähigkeit zur sinnvollen Organisation, um nur einige zu nennen, deren Aktivierung unerläBlich ist, um in anspruchsvolleren Bereichen menschlicher Tätigkeit überhaupt produktiv sein zu können.

Es ist daher auch gar nicht verwunderlich, wenn diese Schule ein Mehr an Aktivitäten aufweist als jede andere, wo noch dazu die pädagogische AufÜruchsstimmung der Schulversuchszeit keineswegs vereLbt ist, sondern aufgrund laufend hinzugewonnener Erfahrungen immer wieder neue Impulse erhält, was sich auch auf den neusprachlichen Zweig äußerst positiv auswirkt und gleichzeitig die Integration der Schule in die Gesellschaft weit vorantreibt, wie u.a. das UmwelLgestaltungsprojekt Lehen der Oberstufe des musischen Gymnasiums beweist, das in der Öffentlichkeit großes Aufsehen erregte und viel Anklang fand.
Es ist hier überhaupt gar nicht möglich und würde viele Seiten füllen, um alles aufzuzeigen, was diese Schule seit Beginn des Schulversuches vor 20 Jahren zu leisten imstande war, trotz der vielen Schwierigkeiten, die es zu überwinden galt und der immer wieder drückenden Raumfrage, mit der man sich laufend konfrontiert sah und die sich mit dem Umzug in das neue Haus dann sicher nicht mehr stellen wird.

So kann man ihr und ihrem Direktor, OStR. Mag. Erich WEINKAMER, der einer der Initiatoren des musischen Schulversuches ist, und allen Lehrern, Schülern und Eltern nur von Herzen wünschen, daß ihr, was sie immer schon ausgezeichnet hat - nämlich Schwung, Unternehmungsgeist und die Bereitschaft, sich allen Herausforderungen rückhaltslos zu stellen - auch weiterhin erhalten bleiben und hoffen, daß die am musischen Gymnasium in Salzburg entwickelte und praktizierte Form der Vermittlung einer zeitgemäßen umfassenden höheren Bildung sich früher oder später auch auf die Regelschule positiv auszuwirken beginnt.

Adolf DEGENHARDT

Salzburg, am 21. Juni 1986


Bild: Adolf Degenhardt: Emporstrebend. 1988

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